Solinger Tageblatt 03.09.2011

Von Mensch und Tier

Dass Andreas Szöke Pathologe ist, macht sich in den 17 Schwarz-Weiß-Grafiken bemerkbar, die er ab heute, 18 Uhr, im Atelier Gleis 3 (Güterhallen) ausstellt: Sie zeigen schonungslos jede Runzel, jede Rundung, jede Faser von kranken, alten oder gar toten Menschen. Dass sein Kollege Constantin Kartmann Kirchen restauriert hat, sieht man in dessen 15 Arbeiten vor Ort. Wie angeschlagene Götzen erscheinen dort Figuren zwischen Tier und Mensch auf goldenen Bildern. Die aus Rumänien stammenden Künstler sind bei Bärbel Ludwig an den Wochenenden bis zum 17. September anwesend. Ihr Tenor: „Jeder soll seinen eigenen Titel für ihre Arbeiten finden.“ dn

 



Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung am 18. November 2011 in Köln/Galerie 21

Warum stehe ausgerechnet ich hier, singe... und erzähle womöglich gleich noch von seltsamen Dingen? Etwas Derartiges habe ich noch nie gemacht... Ich bin auch kein Kenner der Malerei und erst recht kein Kunstsachverständiger. Gut. Ich kenne ein paar Sonnenblumen des vorhin besungenen, einohrigen Visionärs, besitze gar einen Bildband über Hieronymus Bosch und empfinde mich als durchaus für visuelle Reize affin. Aber zuallererst bin ich ja nunmal Musiker.

Was mich also zu dieser kleinen - maximal anderthalbstündigen - Einführung veranlasst, kann ich vielleicht am einfachsten und bildhaftesten anhand einer kleinen Anekdote beschreiben. Es ist der Tag, an dem ich diesen kompromisslosen Eigenbrödler kennen lerne, dessen Kunst wir heute hier bewundern. In seinem Atelier, der Gartenlaube, der urigen, selbst errichteten Hütte im Urwald des sagenumwobenen Köln-Niehl.

Sommer. Faules Wochenende. Später Nachmittag. Ich bin eigentlich zu Gast bei einem Freund im Nachbargarten dieses Rumänen, den ich alsbald nur noch Muräne, Vampir oder Strigoi nennen sollte. Davon vielleicht ein andermal. Ich stehe nun vor dem verschlossenen Tor und finde mich - auf Zuruf - plötzlich nicht in KarlHeinzens Gemüsegarten sondern nebenan - in einer anderen Welt wieder. Alles strotzt vor Farbe, die Tür, die Stühle, der Boden, sogar der Kühlschrank. Überall Bilder, zum Teil erst halbfertig und dabei immer spannend, irritierend, wenn nicht gar verstörend. Ein alter Bollerofen in der Ecke, Pinsel hier, Schrauben da, Holz in allen Größen und Formen, Wasserhahngriffe, rostige Riesennägel, Murmeln, Schranktürknäufe und was man sonst noch alles für skurrile Skulpturen braucht.

Geordnetes Chaos - also ganz wie zu Hause.

Die Jungs sitzen auf der (nennen wir sie mal) Terrasse bei kaltem Kölsch ...und haben für mich keines mehr übrig. Na gut, sage ich: Neugeborenes Schwein muss sein. So hieß das jedenfalls in der Grundschule. Also laufe ich mal eben zum Kiosk rüber. Der Abend verläuft entspannt, sehr lustig und seehr lang. Haben wir eigentlich was gegessen? Irgendwann sitze ich mit Costa alleine da, wir reden über Gott und die Welt, über Kunst und Musik.

Plötzlich: "Ich zeig Dir mal ein paar Bilder"....das trifft mich völlig unvorbereitet. Keine Ahnung, ob ich in diesem Zustand in der Lage bin, noch irgendetwas angemessen zu würdigen. Einzwei Bier sind es schließlich schon gewesen. Schlagartig nüchtern ist sicher ein albernes, altes Klischee, kommt der Wahrheit aber erstaunlich nahe. Was ich nun zu sehen bekomme, ist für mich so erfrischend und neu, dass sich mein Blick schärft und ich sogleich in einen neuen - einen Bilderrausch umschwenke. Und glauben Sie nicht, ich übertriebe! So durfte und darf ich das glücklicherweise erleben.

Allein dieses Fischdingswesen - die Plastizität und vor allem die nicht ganz klammheimliche Freude in seinem Auge ist derart lebendig, greifbar und dabei irgendwie gruselig, dass ich mich augenblicklich als Kunstfreund und Costa-Fan empfand.

Viele solcher Abende sind darauf gefolgt, oft mit neuen, fantastischen Gemälden und meist mit ernsthaften Diskussionen über die fünf schönsten Dinge des Lebens: Kunst, Musik, Essen, und, Trinken. Doch immer mit herrlichen Sprüchen und Frotzeleien, mit viel Spaß und Gelächter. Von Genialität zu sprechen, möchte ich uns ersparen. Wo es doch heutzutage (im Schwachfunk) schon geniale Turnschuhe, megageniale Limonaden oder gar giga-genialen Lifestyle zu geben scheint. Gestatten Sie mir viel mehr eine kurze Beschreibung meiner völlig subjektiven, höchst naiven und von entsprechendem Sachverstand gänzlich ungetrübten Sicht auf Costa Kartmanns Kunst:

Mit gleichermaßen finsterem Ernst, tiefer Liebe und kindlichem Humor strahlen seine Werke mal üppig mal dezent die Natur ihres Schöpfers aus. Es reicht dabei niemals zur Pedanterie, sondern macht stets Halt in dem Moment, da die maximale Balance zwischen fiebriger Muse und brilliantem Handwerk erreicht ist. Na gut. Vielleicht hier noch ein kleiner Strich und da noch eine minimale Aufhellung.

Die Bilder künden vielfach von bewegenden, beängstigenden und erschütternden Eindrücken und Erlebnissen ihres Malers. Auch wenn die auslösende Inspiration, wie ich vom Meister selbst in höchst seltenen Fällen erfahren darf, hin und wieder recht profaner Natur ist. Überhaupt: Er betitelt und erklärt seine Bilder äußerst ungern, denn er möchte der Fantasie des Betrachters nicht vorgreifen. Zwischen morbider Tristesse und herber Ironie, zwischen flirrendem Wahnsinn und greifbarer Räumlichkeit fangen mich Traumgestalten ein. Häufig mit Symbolen aus dem Alltag versehen vor flachem goldenem Hintergrund. Sie blicken auf seltsame Weise menschlich, oft entrückt und grotesk, meist melancholisch und manchmal heimlich grinsend.

So bewirkt Costa bei mir etwas, das nur wenige Maler schaffen:

Ich empfinde Ernsthaftigkeit, Traurigkeit und Schmerz, die mich ergreifen und nachhaltig gepackt halten, ...ohne dass ich davon erdrückt und erstickt werde. Immer wieder finde ich Details, die den Abgrund erhellen, mich ins Licht ziehen und mir lauthals flüstern: Trotzdem besser lachen! Das ist ein Credo, sein Lebensmotto, das mir entgegenschallt und auch dem meinen sehr nahe kommt. Warum eigentlich vorhin dieses Lied und nicht eines seiner Lieblingsband ACDC?

Ich kenne halt von ACDC keines über Malerei oder Vincent van Gogh.
Vielleicht warte ich auch nur auf den Tag, da ihm ein Ohr ab- und dann endlich meine Lieblingsband ge- fällt? Und zurück zur Eingangsfrage: Warum also ausgerechnet ich hier stehe und seltsame Dinge von mir gebe? (Weil er keinen anderen Deppen gefunden hat?! Nein)

Weil ich an diesem einen Abend vor vier Jahren einen völlig neuen Blick auf mir völlig neue Malerei erlebt, genossen und für immer gewonnen habe.

Daher darf ich eitel mit einigem Stolz davon sprechen, dass dieser Mann dem neu erblühten Jugendstil-Flur unseres Hauses durch seine Kunst erst frisches Leben eingehaucht hat....und schließlich stehe ich hier, weil ich mit noch größerer Freude davon sprechen kann, Costa zu meinen engsten und liebsten Freunden zählen zu dürfen.

Was er malt und gestaltet, gefällt mir meist sehr, doch keineswegs immer.

Aber ich denke oft staunend: Das ist ja nicht von dieser Welt.

Guido Krutwig
Musiker und Freund des Malers

 

Youtube-Video zur Vernissage am 14. August 2010 in Mediasch (rumänisch)

 

Weiteres Youtube-Video zur Ausstellung im August 2012 in Mediasch (mit Musik unterlegt)

 

Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung am 14. August 2010 in Mediasch
(Übersetzung aus dem Rumänischen)

COGITO, ERGO SUM
(Ich denke, also bin ich)

So könnte man die Ausstellung des Malers Constantin K. bezeichnen, die ich in Mediasch, in der Galerie Cirus, im August, eröffnen darf.

Es ist eine ungewöhnliche, gewagte Ausstellung für ein Publikum, das mit traditionellen und leicht verständlichen Werken gewohnt ist. Ungewöhnlich sowohl wegen der Thematik, in der die Präsentation der Sexualität eine wichtige Rolle spielt, als auch vor allem wegen der originellen, persönlichen Vision (für einige schockierend) des Künstlers. Wir treffen auf Themen, in denen das Gute mit dem Bösen abwechselt, Themen in welchen Constantin K. konstant an Symbole appelliert, die uns in eine reale oder fantastische, grotesk imaginäre Welt schicken.

Der Künstler zeigt 24 Werke in einer surrealistischen Konzeption mit expressionistischen Akzenten aber auch mit Elementen eines fantastischen Hyperrealismus (in einer gewollten vereinfachten naiven Weise, die mich an die Robustheit der lateinamerikanischen Künstler der 60er Jahre erinnert), in denen er frei und unkonventionell seine intimsten Gedanken, inneren Zweifel und Gefühlsbewegungen darstellt und äußerst persönlich und mit viel Phantasie mythische und mystische Themen und Figuren aus dem Neuen Testament aufgreift. ...

Der Großteil der Werke ist in einer äußerst persönlichen Weise geschaffen, in denen die menschlichen Körper, sowohl männliche als auch weibliche, vorwiegend Aktmalerei, in einer vereinfachten Form, einem gehaltvollen Ausmaß, übertrieben bis seltsam grotesk verformt sind. Bilder wie die Geburt des Guten, die Geburt des Bösen sind erschaffen in einer ausgeprägten Einfachheit, in einer komplexen Form, im Geist einer uralten Kunst, in einer Art archaischem Primitivismus, von einer starken Wucht und Ausdruckskraft.

Der Künstler malt Jesus und Judas, wobei der Dornenkranz des letzteren in der Vision des Künstlers eine giftige Pflanze ist, die den Geist des Verräters verdunkelt und ihn dazu verleiht, die Geste des Bedauerns zu machen. Im Vergleich zu dem, dessen Liebe er verrät, scheint Jesus unschuldig mit Augen, die scheinbar nicht sehen; beide Gestalten sind wiedergegeben in der Denkweise des Expressionismus….

Ein anderer wichtiger Teil der Ausstellung ist der, in der der Künstler aus der Gegenwart fliehen möchte, aus der Zwangsjacke an Dogmen und Bräuchen, eingehend dargestellt in den Werken Befreiung und Autoportrait. Beim letzteren ist eine aufmerksame Auseinandersetzung mit den unverfälschten Gesichtszügen zu bemerken, feinfühlig, im Gegensatz oder vielleicht im Einvernehmen mit dem nackten Körper, kräftig, dessen Geschlecht übertrieben dargestellt ist als zentrales und provozierendes Element, geschützt in Form eines Horns, das an die die Ureinwohner aus Papua-Neuguinea erinnert, die auch heute noch ein einfaches Leben im Einklang mit der Natur führen.

Vielleicht ist dies auch die Botschaft des Künstlers – nach dem Motto Naturalia non turpia sunt ( Natürliches ist keine Schande).

Der Künstler gesteht in seinen Werken, dass er ein Verfechter der Natürlichkeit ist, der reinen Liebe zwischen Mann und Frau, der Natürlichkeit des Geborenwerdens und präsentiert seine Kunstideen in einer expliziten, einfachen und naturalistischen Manier.

Dr. Maria Olimpia Tudoran Ciungan
Kunstkritikerin, Autorin und Hrsg. mehrerer Kunstbücher

 

 

 

 
 

 

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